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Die Zukunft der Homöopathie

Leseprobe: Kapitel 2

Das Ende der Homöopathie? - Die Chancen eines Neuanfangs

In der wissenschaftlichen Forschung spricht man in unserer post-modernen Zeit über die Krise der neuzeitlichen Vernunft. In den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts lasen sich bestimmte Buchtitel bereits wie Anzeigen eines Beerdigungsinstitutes: "Tod des Subjektes", "Ende der Gesellschaft", "Ende der Geschichte", "Ende der Wirklichkeit" oder "Das Ende der alten Gewissheiten". Ohne Zweifel, solche Endzeitstimmungen weisen auf eine deutliche Zäsur in der Kulturgeschichte des Westens hin.
Unter diesen Umständen ist die Frage berechtigt: Gibt es auch ein Ende der Homöopathie? Ich möchte diese Frage statt mit einem Ja oder Nein etwas differenzierter beantworten. Wir hatten eine über 200jährige Geschichte der Homöopathie, welche spätestens seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts an ihrem Ende angelangt ist. Seither befinden wir uns in einer Übergangsphase, deren Dauer aus heutiger Sicht schwer zu bestimmen ist. Nach dieser Übergangsphase könnte es die Chance zu einer vollkommenen Neudefinition dieser medizinischen Disziplin geben. Ich möchte an dieser Stelle diese Phase des Übergangs noch etwas näher erläutern. Mit dem Ende der traditionellen Homöopathie, welche von Hahnemann begründet wurde, können wir das Ende der Bedeutung seines Werkes als eines Regelkataloges verstehen, in welchem er in seinen bahnbrechenden Arbeiten die wichtigsten Empfehlungen und Vorschriften zur Erstellung einer homöopathischen Diagnose und Ausführung einer homöopathischen Therapie hinterlassen hat. Im Sinne der von ihm entdeckten und erfolgreich praktizierten Regeln forderte er seine Schüler und die nachfolgenden Generationen dazu auf, sein Lebenswerk so fortzusetzen, dass man ihn nachmache in dem, was er durch seine eigene Erfahrung entdeckt und realisiert hatte. Man könnte diese lange traditionelle Phase der Homöopathie auch als eine "kindliche Phase" der Disziplin beschreiben, denn schließlich sind es die Kinder, von denen die Erwachsenen erwarten können und sollten, dass sie durch Nachahmung und Anpassung ihr Verhältnis zur Welt formen und erlernen.
Wie aber ist diese kindliche Phase zu Ende gegangen und welche Indizien unterstützen diese Behauptung?
Seit den siebziger und insbesondere seit den achtziger Jahren hat die homöopathische Medizin eine deutliche Akzeptanz und viel Sympathie in der deutschen Bevölkerung gefunden. Diese Entwicklung wurde auch durch eine kritische Auseinandersetzung mit den "Göttern in Weiß" in der Schulmedizin unterstützt. Die vielen Nebenwirkungen der "bitteren Pillen" enttäuschten die Patienten und erweckten den Eindruck, in der Homöopathie sei man besser aufgehoben. Dabei wurden immer wieder zwei Hauptargumente zugunsten der Homöopathie aufgeführt: Erstens sei sie eine "sanfte" Medizin und zweitens habe sie keine "Nebenwirkungen" (zu welchen Missverständnissen diese Betrachtungsweisen im Hinblick auf die Homöopathie geführt haben, habe ich in meinem Buch "Die unbekannten Todsünden in der Homöopathie - Zur erfolgreichen Organisation einer homöopathischen Therapie" beschrieben).
Die schulmedizinischen Praxen gerieten mit der Homöopathie zunehmend unter Druck, denn jeder dritte Patient stellte die Frage: Machen Sie, Herr Doktor, auch Homöopathie? - Hinzu kam, dass die niedergelassenen Ärzte in Deutschland schon immer in einem großen Wettbewerb miteinander standen und es leicht passieren konnte, dass Patienten die Praxis wechselten, wenn der Arzt die obige Frage hätte verneinen müssen. Letztlich sind die besten Werbeträger einer Praxis die Patienten selbst. Wenn also jemand einem Bekannten erzählte, dass der Herr Dr. X auch auf homöopathisch mache, dann lockte diese Nachricht scharenweise auch andere Patienten in diese Praxis. Diese häufig von Patienten benutzte Aussage, "er macht auch auf homöopathisch", ist nicht ganz ohne Ironie, jedoch war der ironische Aspekt den Beteiligten meist unbewusst. Statt homöopathisch vorzugehen beziehungsweise zu diagnostizieren oder zu therapieren, hat das "auf homöopathisch machen" einen Beigeschmack des "so tun als ob". Und genau darum ging es dann auch in der Folgezeit in der Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Homöopathie. Es blieb bei einem "so tun als ob", was wir mit dem französischen Soziologen Jan Baudrillard auch als Simulakrum beschreiben können. Die "vornehme" Absicht, die Homöopathie in die Schulmedizin zu integrieren, blieb bei einem den Beteiligten unbewusst gebliebenen Täuschungsmanöver. Eine gängige Form dieses Simulakrums ist es, mit homöopathischen Mitteln gegen einzelne Symptome vorzugehen. Aus der Sicht einer erfolgreichen Organisation der Homöopathie, wie ich sie in dem oben erwähnten Buch dargestellt habe, ist ein solches Vorgehen vollkommen unsinnig. Das Symptom ist nur der Ausdruck des Problems, eine Art Alarmsignal. Das Ziel einer homöopathischen Behandlung ist die Konstitution des Einzelnen zu stärken und nicht den Ausdruck oder verschiedene Ausdrucksformen der Schwäche dieser Konstitution zu zerstören. Abgesehen davon, dass die homöopathische "Bekämpfung" einzelner Symptome nur selten möglich ist und damit überwiegend erfolglos bleiben muss.
Warum hat die Schulmedizin in dieser unangemessenen Weise die Homöopathie zu adoptieren versucht?
Über einen bestimmten Zwang oder Druck von Seiten der Patienten war bereits die Rede. Es kommt hinzu, dass in einer schulmedizinisch ausgerichteten Praxis nicht viel Zeit für ein Gespräch bleibt. Ich halte zwar nichts davon, in den materiell-organisatorischen Bedingungen einer Praxis im marxistischen Sinn die Ursache für das Verhalten der Ärzte zu sehen, jedoch üben solche Bedingungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die therapeutische Strategie der Behandlung aus.
Was besagen diese Bedingungen? Therapeutische Gespräche werden im Verhältnis zu technischen Untersuchungen deutlich weniger in der Abrechnung der Leistungen bewertet. Der Praxisinhaber muss jedoch einen bestimmten Umsatz erwirtschaften, um seine Kosten tragen und seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Gelingt ihm dies nicht, muss er Konkurs anmelden (heute stehen in Deutschland fast ein Drittel der Kassenpraxen am Rande des Konkurses!). Um eine homöopathische Diagnose und Therapie in angemessener Weise in eine schulmedizinische Praxis zu integrieren, bedarf es viel Zeit. Die organisatorischen Bedingungen einer heuti-gen Kassenpraxis unter Berücksichtigung der Gebührenordnung kann diese notwendige Zeit für die Homöopathie nicht bereitstellen. Es reicht auch nicht, wenn einzelne Krankenkassen ihren Mitgliedern anbieten, die Erstanamnese extra zu vergüten und damit den Eindruck erwecken, die Mitglieder dieser Krankenkasse bekämen auch eine homöopathische Therapie von der Kasse finanziert. Wenn man dem Regelkatalog von Hahnemann folgt, dann weicht die Dauer des Gesprächs mit dem Patienten in einer homöopathischen Therapie auch in den weiteren Phasen der Therapie von anderen Behandlungsmethoden ab. Zweifellos beansprucht die Erstanamnese die längste Zeit (mit der Auswertung des Gesprächs kann sie zwei bis drei Stunden, in der Regel sogar häufig mehr beanspruchen), aber auch die notwendigen Folgegespräche über den weiteren Verlauf der homöopathischen Arbeit lassen sich in ihrer Dauer nicht mit den in der Schulmedizin üblichen Beratungen vergleichen.
Bei der bisherigen Betrachtung des Zeitfaktors haben wir nur die notwendige Zeit für die Einhaltung des Regelkatalogs berücksichtigt. Das ist jedoch noch nicht alles!
Bei der Absicht, eine homöopathische Therapie in eine schulmedizinische Praxis zu integrieren, dürfen wir eine weitere Notwendigkeit nicht übersehen. Die Patienten solcher Praxen kommen in die Behandlung, weil sie gegen ihre Symptome etwas bekommen möchten. Nun gibt es, folgt man Hahnemanns Gedanken im Sinne des Regelkatalogs, aber kein homöopathisches Mittel gegen Symptome. Damit besteht die Notwendigkeit einer Aufklärungsarbeit über den Unterschied zwischen einer homöopathischen und einer schulmedizinischen Strategie. Diese pädagogische Arbeit, welche auch noch sehr individuell zu führen ist, muss das Zeitbudget einer schulmedizinischen Praxis überfordern.
Diese Zusammenhänge sollten ihre Berücksichtigung finden, wenn man über die Integration einer homöopathischen Behandlung in eine schulmedizinische Praxis nachdenkt.
Dabei ist die Absicht dieser Integration im Prinzip nicht falsch! Allerdings sind homöopathische Diagnose und Therapie keine "Alternative" zur Schulmedizin (also kein Ersatz), zwischen denen der Patient eine Entscheidung in dem Sinne treffen sollte, sich aus-schließlich schulmedizinisch oder homöopathisch behandeln zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betonen, dass homöopathische Diagnosen und therapeutische Maßnahmen keineswegs die Möglichkeiten der Schulmedizin ersetzen können. Das Verhältnis der beiden Disziplinen ist komplementär, die thera-peutische Kunst besteht gerade darin, von Fall zu Fall eine individuelle Entscheidung zu treffen, welche Art der Behandlung genau für diesen Patienten am meisten geeignet ist.
Lassen Sie mich die bisher erwähnten Probleme bei der Integration der Homöopathie in die Schulmedizin kurz zusammenfassen. Sollten Sie einen ironischen Unterton entdecken, wenn ich die verschiedenen möglichen Gedanken stellvertretend von einem Therapeuten versuche wiederzugeben, so ist das sicher nicht unbeabsichtigt:

Es fragen immer mehr Patienten, ob ich auch "Homöopathie machen kann". Sie berufen sich auf verschiedene Artikel und auch Bücher, in denen diese Medizin als "sanft" bezeichnet wird. Mir kommt es langsam vor, als ob ich als Schulmediziner Krieg mit dem Körper eines Patienten führen müsste. Die Patienten wollen "Frieden", aber sie wollen auch, dass die mitgebrachten Symptome trotzdem so schnell verschwinden, wie sie es bei den "kriegerischen Instrumenten" der Schulmedizin bisher gewöhnt sind. Wie soll man mit einer solchen Doppelbotschaft fertig werden? Wenn ich nichts tue, auf diese Wünsche nicht eingehe, dann wandern die Patienten in eine andere Praxis ab. Nun gut. Ich gebe also gegen die einzelnen Symptome ein homöopathisches Mittel: Kommt beispielsweise eine dicke Frau in meine Praxis, erhält sie das homöopathische Mittel Calcium Carbonicum, kommt ein Patient mit einem klebrigen, feuchten, honiggelben Ekzem, ist das Mittel Graphites angesagt ... Ich muss noch nicht einmal die Zusammenhänge der verschiedenen Symptome auswendig wissen, ein kurzes Blättern in vorgefertigten Listen und - simsalabim! - das Mittel ist schon da. Dann setze ich eine bedeutungsvolle Miene auf und verkünde die "frohe Botschaft": "Ich habe für Sie ein homöopathisches Mittel gefunden!" Allein diese Aussage veranlasst schon die meisten meiner Patienten zu einem fröhlichen Lächeln und einem: "Ach, wie schöööön!!!" Der Patient bleibt!

Aus rein wirtschaftlicher Sicht könnte man hier über ein "erfolgreiches Praxismarketing" sprechen. Offen bleibt allerdings noch die Frage, was der Therapeut dem Patienten erzählt, wenn das Mittel nicht hilft, was auf die meisten Fälle zutrifft? Aber auch dafür gibt es einen Zauberspruch: "Bei Ihnen spricht die Homöopathie offensichtlich nicht an!" Der Effekt dieses Satzes ist enorm. Der Patient denkt, nun habe ich es auch mit der Homöopathie versucht, niemand kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich in Zukunft wieder die "Kriegskanonen" der Schulmedizin beanspruchen werde.
Wir sind damit beim Happy End des Simulakrums angelangt. Die Integration der Homöopathie entpuppt sich als Schwindel. Sie eröffnet immer mehr Ärzten ohne homöopathische Ausbildung, homöopathische Mittel im Rahmen der schulmedizinischen Praxis anzubieten und manchen Patienten sogar durch Placeboeffekte eine unerwartete Besserung zu ermöglichen, gemäß: "Herr Doktor, Ihre Kügelchen haben ein Wunder bewirkt!" Neue Patienten werden in die Praxis drängen und ebenfalls ein Wunder erhoffen!
Damit schließen wir den Gedankengang über eines der Phänomene, der Pseudointegration der Homöopathie in die Schulmedizin, die das Ende der Homöopathie eingeläutet haben.
Es gibt allerdings ein zweites, ebenso markantes Phänomen, das ich beschreiben möchte, welches genauso zum Ende der Homöopathie, im Sinne der Aufkündigung der Homöopathie von Hahnemann, geführt hat.
Es ist ein geradezu irrwitziges Phänomen: Ärzte, welche eine homöopathische Ausbildung im Sinne eines Zusatztitels absolvieren, benötigen dafür ungefähr zwei Jahre. Dennoch gibt es Autoren, die homöopathische Ratgeber veröffentlichen, welche dem Patienten suggerieren: "Das kannst du auch selbst! Lerne das im Schnellver-fahren durch ein Buch! Do it yourself!" Ist das nicht praktisch? Die Ratgeber bieten dann die Möglichkeit einiger Symptomkombina-tionen zur Auswahl der Mittel an und erzählen zur Beruhigung dem experimentierfreudigen Laien: "Keine Sorge, es kann dabei nichts Schlimmes passieren!" Dabei haben sie als Argument den immer gleichen Satz parat: "Homöopathische Mittel wirken sanft, es gibt keine Nebenwirkungen!"
Ich habe mich mit diesen Irrtümern in dem oben zitierten Buch lange auseinandergesetzt. Hier nur das Wichtigste: Natürlich wird von den Schreibern der "Do-it-yourself-Homöopathie-Ratgeber" betont, dass nicht bei jeder Krankheit eine Selbstbehandlung möglich sei. Es wird dem Leser zwar mitgeteilt, welche Symptome er wann behandeln sollte, jedoch wenig darüber nachgedacht, ob der Laie in der Praxis zu solchen Abgrenzungen überhaupt fähig ist. Solche Ratgeber für Laien versuchen auch, über das "Simile-Prinzip" oder die "Funktionsweise der Homöopathie" aufzuklären, als ob es möglich sei, in einem kleinen Taschenbuch dem Laien zu erklären, wie man eine Operation auf die Schnelle bei Verletzungen selbst durchführen könne. Hier ist schon jetzt festzuhalten, dass das Interesse zur Selbstbehandlung des Patienten ebenfalls zum Ende der Homöopathie beigetragen hat. Die Anzahl solcher Patienten ist keineswegs gering. Wenn Sie diesbezüglich in einer Apotheke nachfragen, erhalten sie schnell die Antwort: Die meisten Patienten kaufen homöopathische Mittel für ihre Selbstbehandlung, Mütter für die Behandlung ihrer Kinder.
Dabei entbehrt diese Tendenz zur Selbstbehandlung nicht jeder Logik. Schließlich haben die Patienten zwischendurch immer wieder erleben können, wie in den Arztpraxen mit den homöopathischen Mitteln umgegangen wird, wenn schnell aus einem Buch anhand von Symptomen und ihrer Zuordnung zu homöopathischen Mitteln eine Verordnung gezaubert wird. Dies kann die Schlussforderung nahe legen: Was der Therapeut macht, das kann ich auch! Warum sollte ich dann überhaupt noch einen besuchen? Ich habe bisher versucht aufzuzeigen, auf welche Weise in Deutschland, dem Heimatland der Homöopathie, seit den neunziger Jahren die Homöopathie von Hahnemann zu einem Ende gekommen ist, weil sein Regelwerk nicht mehr beachtet wurde. Es stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob dieser Prozess sich ausschließlich in Deutschland bemerkbar macht oder ob es sich dabei auch um ein internationales Phänomen handelt? Besteht die berechtigte Annahme, dass sich auch in anderen Ländern, zu deren medizinischer Tradition auch die Homöopathie gehört (beispielsweise andere europäische Länder, Indien), ähnliche Tendenzen bemerkbar machen? Ich möchte diese Frage mit einem Ja beantworten, obwohl ich auch betonen möchte, dass solche Untersuchungen stets der Eigenart des jeweiligen Landes Rechnung tragen müssen. Der Bedeutungsverlust des Regelkatalogs kann mit der Zeit unterschiedliche Formen annehmen.
Sie könnten an dieser Stelle zu Recht einwenden: Was berechtigt Sie zu der Annahme, dass ein Ende der Homöopathie in ihrer klassischen , traditionellen Form eine weltweite Tendenz darstellen könnte?
In der westlichen Welt gab es bereits seit den siebziger Jahren entscheidende kulturelle Veränderungen, welche auch in der Medizin im Allgemeinen und in der Homöopathie im Besonderen ihren Einfluss hinterlassen haben. Sigmund Freud hatte noch über eine seelische Instanz des Über-Ichs geschrieben, welche zwischen dem Ich und dem Es der Seele wachen sollte. Dieser Instanz können wir auch die moralische Aufgabe zuordnen, die menschlichen Handlungen zu steuern und zu überwachen. Die Autorität der Väter, auch im Umgang mit dem menschlichen Körper, hatte ihre Quelle in dieser Instanz des Über-Ichs. Seit der weltweiten Studentenrevolution Ende der sechziger Jahre scheint es jedoch nicht mehr möglich zu sein, die Reproduktion dieser Instanz zwischen den einzelnen Generationen weiter aufrecht zu erhalten. Ich habe mich an anderer Stelle im Zusammenhang mit der "vaterlos" gewordenen Gesellschaft zu diesem Thema geäußert. Die eigentlichen Gründe dieses Sprungs in der Gesellschaft würden eine ausführliche Analyse beanspruchen, welche aber an dieser Stelle von unserem Thema zu sehr wegführen würde.
Mit der "Vaterlosigkeit" und dem Verlust der Autorität ist auch der kollektiv erarbeitete moralische Sinn verloren gegangen, der in seinen Ansätzen noch die Tradition berücksichtigen und vermitteln konnte. Der Umgang mit dem Körper wurde freigegeben, Ernährung und Sexualität wurden nicht mehr von der Kontrolle des Über-Ichs überwacht. Anstelle der Steuerung durch die kollektive Moral kam es zu einem Vakuum. Jedem Einzelnen wurde überlassen, was er tun und lassen könne. Nun möchte ich keineswegs dieser kollektiven Reglementierung nachweinen, jedoch zeigt die Praxis, dass dieser Sprung in der Entwicklung der Geschichte von den meisten kaum verkraftet wurde. Im Idealfall und mit gewisser Naivität müsste man nämlich annehmen können, dass der Einzelne, je nach den Gegebenheiten seiner Konstitution und unter Berücksichtigung der durch sie gegebenen Grenzen, sein Leben fortan verantwortungsbewusst gestalten würde.
Es kam aber ganz anders. Der Anspruch auf Lust und Spaß hat die Regie des Lebens übernommen. Nach den Zeiten der väterlichen Fremdgestaltung wurden statt Selbstgestaltung nur noch Erlebnisse gehamstert, so wie man Aktien in ein Portfolio hineinsammelt. Man könnte diese Art von Persönlichkeitstypus die "Portfolio-Persönlichkeit" nennen.
Ich habe bereits im Zusammenhang mit der lebensvernichtenden Wirkung des digitalen Kapitalismus über die "rollenden Köpfe" gesprochen. Der einseitige Intellektualismus reduziert die menschlichen Tätigkeiten auf die digitalen Alternativen eines Ja oder Nein, andere Beziehungszusammenhänge werden nicht mehr berücksichtigt. Die "rollenden Köpfe" sind auch eine Metapher dafür, dass die Menschen sich weiterhin nur von außen motiviert in Bewegung halten, statt sich selbst bewegen zu können. Die väterliche Macht wurde durch die anonyme Macht der digitalen Welt ausgetauscht.
Durch die lebensvernichtende, anonyme digitale Macht ändert sich auch das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Körper. Auch das Spektrum der Krankheiten verschiebt sich von der Neurose zur Psychose und auch Zwischenstufen (Borderline-Syndrome) in Form von Suchterkrankungen oder der narzisstischen Abwehr werden immer häufiger. Der Narzissmus wird hoffähig und die Verantwortungslosigkeit des Anderen toleriert, damit man selbst keine Antworten geben muss.
Bei einer solchen Haltung hat die Homöopathie keine Chance, denn sie möchte einen Dialog mit dem Körper des Anderen führen. Die "rollenden Köpfe" sind aber weder dialogfähig, noch an einem Dialog überhaupt interessiert. Statt sich mit dem Körper zu beschäftigen, wird er nur noch abgebildet. Sonografien, Röntgenaufnahmen, Kernspinn- und Computer-Tomografien oder Blutbilder nennt man "den neuen Gesprächstoff" mit dem Köper. Das Simulakrum hält Einzug in die Medizin. Das gilt auch für die Homöopathie.
Fassen wir zusammen: Mit dem Wegfall der Instanz des Über-Ichs fiel auch der Regelkatalog von Hahnemann weg. Die neue Generation hält nichts mehr von den Ratschlägen der Väter. Das Vakuum wurde mit dem Simulakrum gefüllt. Die tendenzielle Änderung der Persönlichkeiten weltweit führt auch zwangsläufig zum "Ende der Homöopathie".
 

 
(→ Die Zahlen in Klammern weisen auf die Fußnoten im Buch hin.
Diese finden Sie jedoch nicht auf der Homepage, sondern nur im Buch selbst.)