Leben wir in einer Zeit, in der die klassische Homöopathie ihr
Ende erfahren muss? Und wenn ja, warum? Wie kann man
sich über eine notwendige Metamorphose der Homöopathie
verständigen?
Zu diesen Fragestellungen werden Gedanken geäußert. Damit
werden die Homöopathen und interessierte Laien nicht
nur auf einige, lange verdrängte Problemfelder der therapeutischen
Arbeit aufmerksam gemacht, gleichzeitig wird auch
zum Nachdenken über das hier Besprochene angeregt.
Es reicht nicht, in einer homöopathischen Praxis aus der Kombination
von den im Repertorium gefundenen Symptomen
ein Mittel zu bestimmen, dieses dem Patienten zu verabreichen
und auf den Erfolg der Mittelwirkung zu hoffen! Die
Homöopathie bildet keinen zeitlosen Forschungsgegenstand,
eine reflexive Historisierung des homöopathischen Wissens
ist vonnöten.
Dazu ist eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Einbettung
der homöopathischen Praktiken zu führen. Die leibphilosophische
Ausrichtung einer solchen Arbeit kann mit
der genealogischen Methode ergänzt werden. Die Letztere
wurde bereits von F. Nietzsche, M. Foucault und J. Butler
praktiziert.
Die klassische Homöopathie setzt für ihr Menschenbild die
klassische Subjektwerdung des Patienten voraus. In den letzten
Jahrzehnten ist diese Subjektwerdung erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt und damit die Krise des bürgerlichen Subjekts immer offensichtlicher geworden.
Parallel zu dieser Entwicklung können wir die Krisenphänomene
in der Entwicklung der klassischen Homöopathie beobachten.
Das klassische Subjekt ist dualer Natur. Das aus der Kinderzeit
mitgenommene biologische Ich als individuelle Lebenskraft
geriet schon zu Beginn der Subjektwerdung in der
Pubertät in einen unversöhnlichen Konflikt mit der Gesetzgebung
der umgebenden Kultur, die auf die individuellen,
kräftemäßigen Gegebenheiten des Einzelnen keine Rücksicht
nehmen kann.
Je mehr die biologische Individualität durch die erzwungene
Anpassung und die Unterdrückung durch die Außenwelt
geopfert wird, desto mehr entstehen die Krisenphänomene
des Subjekts. Die Krise der individuellen Lebenskraft
äußert sich in funktionellen Störungen, die wir in typologischer
Weise als Verhärtungs-, Auflösungs- oder Entzündungstendenzen
erfassen können. Die naturwissenschaftliche Medizin
hat keinen individualisierten Blick auf die Lebenskraft
des Einzelnen und auch keine angemessene Diagnostik, um
funktionelle Störungen richtig zu differenzieren und dann
entsprechend zu behandeln.
In dem vorliegenden Buch wurde der notwendige Umgang
mit der Krise des Subjekts aus homöopathischer Sicht thematisiert.
Diese Krise beinhaltet auch eine große Chance auf dem
Weg der Individuation der Menschen. Die kopernikanische
Wende im Zusammenhang mit der Lebenskraft bedeutet,
dass die Krise nur in einer völlig neuen Weise des Umgangs
mit der Lebenskraft gemeistert werden kann. Die Lebenskraft
lockert ihre Beziehung zum physischen Körper und bedarf
einer neuen Beziehung zur menschlichen Seele. Ihre Strukturen werden nicht mehr von materiellen Gegebenheiten in der
Weise beeinflusst, wie dies noch vor einiger Zeit durch die
kulturellen Bedingungen geschah.
Auf der individuellen Ebene setzt die neue Haltung zur Lebenskraft
eine Metamorphose des Subjekts voraus. Welche
Rolle das neue ICH in diesem Zusammenhang für sich beanspruchen
kann, wurde in der Arbeit thematisiert. Die klassische
Aufgabe des Trieblebens bei der Kontrolle des Subjekts
wandelt sich. An die Stelle der Triebmacht muss die Lebenskraft
für die Orientierung der Seele Sorge tragen. Dies bedeutet
keineswegs eine neue Epoche für die Unterdrückung
der Triebe, es verlangt eher eine Selbstschulung der Triebkräfte
aus der Sicht der Strukturen der Lebenskraft.
Auf der kulturellen Ebene wird es unvermeidlich sein, die traditionellen,
längst nicht mehr zeitgemäßen Strukturen der medizinischen
Versorgung zu überprüfen und diese entsprechend der größeren Freiheitschance und Individualität der Patienten auch mit mehr Verantwortung in der Versorgung zu realisieren.
Die Krise des Subjekts und eine kulturelle Immunschwäche
lassen sich nur zusammen bewältigen.
Die homöopathische Arbeit mit den Patienten bekommt entsprechend
diesen Herausforderungen neue Aufgaben und neue
Konturen. Es ist naiv und unzeitgemäß den Homöopathen
aufzufordern, ausschließlich das Simile des Patienten zu suchen
und eine ähnlich passive Haltung des Patienten, wie in
der Schulmedizin üblich, auch in der Homöopathie in Kauf
zu nehmen. Die Homöopathie muss sich auch mit den strukturellen
Fragen der Überdifferenzierung auf Kosten der Einheit
auseinandersetzen. Gefahren in der Homöopathie, wie
eine Aufrechterhaltung der kollektiven Illusion, dass „homöopathische Mittel nur helfen können, jedoch nie schaden“,
müssen als Folgen einer Verhärtungstendenz und des Intellektualismus
überwunden werden. Auch die Pseudohomöopathie
ist die Folge einer Krise der klassischen Homöopathie.
Im Zusammenhang mit dem neuen Umgang mit der menschlichen
Lebenskraft erfahren auch die zentralen Begriffe wie
Konstitution und Konstellation eine Wandlung ihrer Begriffsinhalte.