Die Unsicherheit der Wirtschaftsprognosen. Die Deflation ist im
Jahre 2009 noch nicht zu Ende! Die zukünftigen Gefahren einer
deflatorischen Preisbewegung. Inflation und Deflation als Symptome
einer wirtschaftlichen Immunschwäche. Missdeutungen des
Begriffs des „Sozialen“. Der Staat und die missverstandene Gerechtigkeit.
Über die kommende Super inflation. Die Notwendigkeit
einer dynamischen Vermittlung zwischen Homo Oeconomicus und
Homo Boersicus.
Die häufigste Frage, die die Menschen heute in Bezug auf die
Wirtschaft stellen, gilt der Prognose. Die bange Frage: „Wie
geht es weiter?“, beschäftigt unermüdlich die Medien. Durch
das Versagen der Wissenschaftler, wie bereits im § 1 besprochen,
liegt es auf der Hand, dass auch keine zuverlässigen Prognosen
erstellt werden. Kein Wunder ist es daher, dass seit dem
letzten Jahr immer wieder neue Voraussagen veröffentlicht
werden. Manche Institute geben überhaupt keine Prognosen
mehr ab, mit der Begründung, dass die Folgen dieser einmaligen
Wirtschaftskrise nicht mehr prognostizierbar wären.
Ähnlich verunsichert gebärdet sich die Politik: Die deutsche
Bundeskanzlerin, Frau Merkel, begnügt sich derzeit damit,
auf „Mut und Kraft“ zu setzen. In Kindermärchen ist es
angemessen, von den Helden Mut und Kraft zu verlangen,
was jedoch die Wirtschaft anbelangt, bedarf es etwas mehr.
Wo es aber keine angemessene Diagnose gibt, dort kann auch
keine angemessene Therapie erwartet werden.
Dabei ist es durchaus möglich, auf Grund der in dieser
Schrift dargestellten Zusammenhänge, eine tendenzielle Prognose
zu geben. Wie hier vorangestellt, dürfte die wahrscheinliche
Prognose dann wie folgt lauten:
Zuerst gibt es eine kräftige Deflation, deren Höhepunkt noch
gar nicht in diesem Jahr, sondern erst später eintreffen wird.
Danach folgt dann eine Superinflation.
Bei der Deflation findet eine umgekehrte Preisbewegung
der Güter- und Dienstleistungsangebote statt als bei Inflation.
Während bei der letzteren die Preisspirale nach oben dreht
und die Angebote immer teurer werden, ist es bei der Deflation
genau umgekehrt. Die letzten Generationen kennen nur
noch eine inflatorische Bewegung der Preise, deswegen haben
die Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit seit Jahrzehnten
kaum noch der Deflation gewidmet, wie ich bereits in meiner
Arbeit über die Struktur des globalen Kapitalismus im Jahr
2006 kritisiert habe.
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Arbeit sprechen
die offiziellen Stellen noch nicht von einer Deflation, da die
üblichen Berechnungen der Statistik immer noch eine minimale
Inflation zwischen 0–1% ausweisen. Dabei merken die
Konsumenten bereits, dass viele Konsumgüter im Laufe der
ersten Monate des Jahres 2009 bereits billiger wurden und die
Tageszeitungen gelegentlich über einen „Preissturz“ auf ihren
Titelseiten berichten. Das ist allerdings der Anfang einer Bewegung, die keineswegs so schnell aufhören wird, wie jene
Stimmen, die die Bevölkerung beruhigen möchten, immer
wieder behaupten. Die Preisspirale nach unten wird sich im
nächsten Jahr fortsetzen und es wird nicht mehr lange dauern,
bis auch offiziell eine Deflation angekündigt wird.
Warum fürchtet man die Deflation mehr als die Inflation?
Die Antwort liegt auf der Hand. Während einer Inflation
geben die Konsumenten das Geld schnell aus, da sie wissen,
dass je länger das Geld in ihrer Tasche bleibt, desto weniger
werden sie sich dafür in der Zukunft kaufen können. In bestimmten Ländern gab es bereits in den letzten Jahrzehnten
besonders beschleunigte Tendenzen einer inflationären Preisspirale.
Ich erinnere mich an die 80er Jahre in Brasilien, als ich
von meinen Dollarreserven jeden Tag etwas in die einheimische
Währung tauschen musste, um für den Tagesbedarf einkaufen
zu können, da selbst die Preise der Bustickets, in der
einheimischen Währung gerechnet, am nächsten Tag um 7%
gestiegen waren.
Generell kann man behaupten, dass die Tendenz zur Inflation
den Geldbesitzer wegen des permanent drohenden Wertverlusts
motiviert, das Geld schnell auszugeben. Damit fördert
die Inflation die Geldbewegung und wenn die Inflationsrate
nicht besonders hoch ist, dann auch die Produktion und die
Wirtschaft.
Umgekehrt gibt es nichts Schlimmeres für die Wirtschaft,
als wenn die Konsumenten ihre Kauflaune verlieren und anfangen,
auf „ihrem Geld zu sitzen“. Wenn man die Inflation in
körperlicher Hinsicht mit einem Durchfall vergleichen könnte,
dann können wir bei der Deflation ruhig über eine Verstopfung
sprechen. Die Leute werden geizig, geben ihr Geld ungern aus und kaufen nur das Notwendigste. Warum? Weil das
Horten des Geldes in einer solchen Wirtschaftsperiode den
Vorteil des Wertzuwachses verspricht. Warum heute etwas kaufen,
wenn die Preisspirale nach unten dem Konsumenten die
Chance verspricht, etwas später die Ware schon wieder billiger
einkaufen zu können. Durch die Deflation wird die Wirtschaft
lahm gelegt, was zu einer deutlich steigenden Zahl der
Arbeitslosen bis hin zu Massenentlastungen führen kann. Die
hohe Zahl der Arbeitslosen bringt auch einen verstärkenden
Effekt für die deflatorische Preisspirale nach unten mit sich.
Die Arbeitslosen können weniger Geld ausgeben als die Menschen,
die noch Arbeit haben. Damit wird der Wirtschaft
zunehmend Geld entzogen. Die Massenentlassungen sorgen
darüber hinaus auch noch für soziale Unruhen. Ein mit Gewalt und Unsicherheit belastetes soziales Umfeld verunsichert
die Wirtschaft noch mehr und bremst die Produktion.
Ich fand bereits im Jahre 2005 das Thema der Inflation und
Deflation so bedeutungsvoll, dass ich in meiner Arbeit mit
dem Haupttitel: „Die Struktur des globalen Kapitalismus“
diesem Thema unter dem Gesichtpunkt der „Möglichkeiten
und Grenzen der Immunisierung“ einen eigenen Abschnitt
gewidmet habe.
Ich habe dabei auf eine originelle Definition des Soziologen
Niklas Luhmann hingewiesen: „Deflation und Inflation sind
in gewisser Weise Immunreaktionen des Wirtschaftssystems,
mit denen dieses auf eine zu hohe Risikobelastung reagiert.“
Jedoch unterscheidet sich meine Position in Bezug auf die
Immunität im Vergleich zu N. Luhmann. Seine Systemtheorie
bleibt es uns schuldig, einen Begriff von der Ganzheit und
damit auch von den ganzheitlichen Zusammenhängen zu entwickeln.
Seine Theorie läuft in die Sackgasse der einseitigen
Differenzbildung. Eine solche Gefahr ist in der naturwissenschaftlichen
Denkweise der Medizin auch anzutreffen. Seit
dem Ausbruch der AIDS-Erkrankung hat sich die Medizin
mit den immunologischen Fragen auseinandergesetzt.Auch
dort fehlt jedoch die erkenntnistheoretische Bereitschaft, Einheit
und Differenz in ihren Zusammenhängen zu sehen und
nicht nur eine der beiden Seiten in den Vordergrund zu stellen.
Durch ein verfehltes immunologisches Denken sind sowohl die medizinischen wie auch die Wirtschaftwissenschaften
gekennzeichnet. Eine Sündenbockstrategie („Der Virus muss
bekämpft werden!“, „Der Gier der Banker müssen Schranken
gesetzt werden!“ usw.) und sich verzettelnde Theorien über
die mögliche Kombination der gewonnen Daten und Fakten
sind charakteristisch für beide Disziplinen. Die Stärkung der
Immunität bedarf jedoch einer anderen Denkweise. Ohne
die Entwicklung des sozialen Sinns ist ein angemessenes Verständnis
der Immunität nicht möglich.
Auf der politischen Bühne der Bundesrepublik beanspruchen
sowohl SPD als auch CDU, ja sogar die FDP, als zentrale
Botschaft ihrer Parteipolitik den Begriff der „sozialen Marktwirtschaft“
für sich. Natürlich bedienen sich die Parteien dabei
einer völlig unterschiedlichen Auslegung desselben Begriffs.
Damit verkommt das „Soziale“, und was auch immer man
darunter versteht, zu einem Parteislogan und fällt der Propaganda
der jeweiligen Partei zum Opfer. „Sozial!“ – das ist
schon mal gut, denken die Massen und sind dann schnell
zufrieden. Aber wie lange? Bis die Ohnmacht des missverstandenen
Begriffs mit all ihren Folgen dieselben Massen wieder
einholt. Am 2. Mai 2009 stand in der Münchener Ausgabe
der Bildzeitung: „Chaoten-Alarm! Polizei heuer im Dauer-
Stress“. Nun bilden Sie sich Ihre Meinung! Solange die Wissenschaft
solch chaotische Begriffsbildungen zulässt und die
Politik – mangels Alternative(?) – diese dann auch inbrünstig
anwendet, gibt es halt das Phänomen des Dauer-Stress’, nicht
nur in der Wissenschaft und der Politik, sondern auch auf der
Straße! Die antivirale Medikation (bei Aids-Erkrankungen),
finanzielle Rettungspakete des Staates (z.B. die Abwrackprämie)
oder polizeiliche Maßnahmen gegen Randalierer bei den
Demonstrationen mögen zwar auf Kosten eines hohen Preises
die Symptome zurückdrängen, eine Lösung für diese Immunstörungen
sind sie jedoch nicht.
In der begrifflichen Nachbarschaft des Slogans der „sozialen
Marktwirtschaft“ gibt es noch einen ähnlichen Begriff,
nämlich den der „sozialen Gerechtigkeit“. Der Verfassungsstaat
kann zwar für eine juristische Gerechtigkeit Sorge tragen,
man möge diese jedoch nicht mit der sozialen Gerechtigkeit
verwechseln. In Berlin lebt ein Drittel der Kinder unter der
offiziell definierten Armutsgrenze. Bei welchem Gericht kann
ein solcher Sachverhalt eingeklagt werden?
Der Begriff des „Sozialen“ kann nur in einem gemeinschaftlichen
Rahmen Realität werden. Gemeinschaft und Gesellschaft
dürfen heute jedoch nicht mehr als deckungsgleich angesehen
werden. Zum Begriff der Staatsfalle gehört auch die Ignoranz
der Tatsache, dass die Gesetzgebung der staatlichen Organe sich
auch das Merkmal der sozialen Gerechtigkeit anheften möchte.
Nach der Deflation kommt dann die Inflation. Ich möchte
noch mal betonen, dass wir den Höhepunkt der Deflation im
Juli 2009 nicht annähernd erreicht haben. Wir befinden uns
zu diesem Zeitpunkt und auch noch etwas in der Folgezeit in
einer „Erwartungsblase“. Die meisten derer, die mit der Wirtschaft
zu tun haben, hoffen darauf, dass die massiven staatlichen
Investitionen die Krise bereits gelöst haben. Welch eine
Enttäuschung wird noch über diese Wirtschaftspolitik hereinbrechen,
deren prominentester Urheber ohne Zweifel der derzeitige
amerikanische Präsident Barack Obama ist. Marketing
ist nicht alles und es schützt nicht vor der Staatsfalle, in die das
Kapital treten wird. Wenn die Börsenkurse noch einmal in den
Keller rutschen, und zwar in einen Keller, der deutlich tiefer
ist, als es bis jetzt ausgemessen werden konnte, dann wird man
fragen, wieso man in unserem Wachstumstrend Forschungsinstitut
von dieser Entwicklung wusste. Die Antwort kann ich
jetzt schon geben: Es liegt an der Denkweise. Für in die Zukunft weisende Prognosen ist ein lebendiges Denken statt des
Intellektualismus entscheidend.
Wenn sich die Superdeflation ausgetobt hat, dann kann danach
die andere Ausdrucksform der Immunschwäche der Wirtschaft,
nämlich die Superinflation, folgen. Sie raubt den Armen jegliche
Chance, den Wertverlust mit der Preissteigerung der Sachwerte
(Aktien, Immobilien etc.) aufzufangen, da sie sich bekanntermaßen Sachwerte gar nicht leisten können. Sie werden
die Opfer der als „sozial“ erklärten Agitation des Staates und
der mit Steuermilliarden aufgeblasenen Rettungsringe für einzelne
Begünstigte aus der Wirtschaft.
Aus der Sicht der Superinflation erscheint es heute als Naivität
oder Heuchelei, Berechnungen darüber anzustellen, wie
man die angehäufte Superverschuldung mit Steuergeldern wieder abstottern könnte. Gar nicht! Die Inflation sorgt schon
dafür, dass alle Schulden wieder schnell verschwinden – sie ist
die schädlichste, jedoch die raffinierteste Form der Schuldentilgung.
Und die Moral von der Geschichte? Die Rolle des Staates
muss neu durchdacht werden. Ausschließlich mit der trägen
Wirkung der Gesetze lassen sich die Märkte bei ihrer heutigen
Dynamik nicht ausreichend regulieren. Neue Institutionen
sind notwendig und der Mut zur Neugestaltung der wirtschaftlichen
Regulation. Zwischen Homo Oeconomicus und Homo
Boersicus muss eine dynamische Vermittlung gefunden werden.
Homo Oeconomicus lebt von der Rationalität und überall,
wo Volkswirtschaftler nach ihm modellieren, verirren sie
sich in der einseitigen Annahme, dass der Mensch immer von
rationalen Maßstäben geleitet würde. Homo Boersicus wird
häufig von der Irrationalität getrieben, als ob die einseitige
Rationalität immer wieder von dem eigenen Schatten verfolgt
würde. Die beiden Extreme bedürfen einer Vermittlung. Im
menschlichen Körper übernimmt das Herz die Aufgabe zwischen
den Nerven- und Stoffwechselkräften zu vermitteln.
Nicht zufällig wünschen sich die meisten Menschen, man
möge die Wirtschaft mit „mehr Herz“ gestalten.