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Kapital in der Staatsfalle

Leseprobe:

Kapitel 5

Die Unsicherheit der Wirtschaftsprognosen. Die Deflation ist im Jahre 2009 noch nicht zu Ende! Die zukünftigen Gefahren einer deflatorischen Preisbewegung. Inflation und Deflation als Symptome einer wirtschaftlichen Immunschwäche. Missdeutungen des Begriffs des „Sozialen“. Der Staat und die missverstandene Gerechtigkeit. Über die kommende Super inflation. Die Notwendigkeit einer dynamischen Vermittlung zwischen Homo Oeconomicus und Homo Boersicus.

Die häufigste Frage, die die Menschen heute in Bezug auf die Wirtschaft stellen, gilt der Prognose. Die bange Frage: „Wie geht es weiter?“, beschäftigt unermüdlich die Medien. Durch das Versagen der Wissenschaftler, wie bereits im § 1 besprochen, liegt es auf der Hand, dass auch keine zuverlässigen Prognosen erstellt werden. Kein Wunder ist es daher, dass seit dem letzten Jahr immer wieder neue Voraussagen veröffentlicht werden. Manche Institute geben überhaupt keine Prognosen mehr ab, mit der Begründung, dass die Folgen dieser einmaligen Wirtschaftskrise nicht mehr prognostizierbar wären. Ähnlich verunsichert gebärdet sich die Politik: Die deutsche Bundeskanzlerin, Frau Merkel, begnügt sich derzeit damit, auf „Mut und Kraft“ zu setzen. In Kindermärchen ist es angemessen, von den Helden Mut und Kraft zu verlangen, was jedoch die Wirtschaft anbelangt, bedarf es etwas mehr. Wo es aber keine angemessene Diagnose gibt, dort kann auch keine angemessene Therapie erwartet werden.
Dabei ist es durchaus möglich, auf Grund der in dieser Schrift dargestellten Zusammenhänge, eine tendenzielle Prognose zu geben. Wie hier vorangestellt, dürfte die wahrscheinliche Prognose dann wie folgt lauten:
Zuerst gibt es eine kräftige Deflation, deren Höhepunkt noch gar nicht in diesem Jahr, sondern erst später eintreffen wird. Danach folgt dann eine Superinflation.
Bei der Deflation findet eine umgekehrte Preisbewegung der Güter- und Dienstleistungsangebote statt als bei Inflation. Während bei der letzteren die Preisspirale nach oben dreht und die Angebote immer teurer werden, ist es bei der Deflation genau umgekehrt. Die letzten Generationen kennen nur noch eine inflatorische Bewegung der Preise, deswegen haben die Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit seit Jahrzehnten kaum noch der Deflation gewidmet, wie ich bereits in meiner Arbeit über die Struktur des globalen Kapitalismus im Jahr 2006 kritisiert habe.
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Arbeit sprechen die offiziellen Stellen noch nicht von einer Deflation, da die üblichen Berechnungen der Statistik immer noch eine minimale Inflation zwischen 0–1% ausweisen. Dabei merken die Konsumenten bereits, dass viele Konsumgüter im Laufe der ersten Monate des Jahres 2009 bereits billiger wurden und die Tageszeitungen gelegentlich über einen „Preissturz“ auf ihren Titelseiten berichten. Das ist allerdings der Anfang einer Bewegung, die keineswegs so schnell aufhören wird, wie jene Stimmen, die die Bevölkerung beruhigen möchten, immer wieder behaupten. Die Preisspirale nach unten wird sich im nächsten Jahr fortsetzen und es wird nicht mehr lange dauern, bis auch offiziell eine Deflation angekündigt wird.
Warum fürchtet man die Deflation mehr als die Inflation? Die Antwort liegt auf der Hand. Während einer Inflation geben die Konsumenten das Geld schnell aus, da sie wissen, dass je länger das Geld in ihrer Tasche bleibt, desto weniger werden sie sich dafür in der Zukunft kaufen können. In bestimmten Ländern gab es bereits in den letzten Jahrzehnten besonders beschleunigte Tendenzen einer inflationären Preisspirale. Ich erinnere mich an die 80er Jahre in Brasilien, als ich von meinen Dollarreserven jeden Tag etwas in die einheimische Währung tauschen musste, um für den Tagesbedarf einkaufen zu können, da selbst die Preise der Bustickets, in der einheimischen Währung gerechnet, am nächsten Tag um 7% gestiegen waren.
Generell kann man behaupten, dass die Tendenz zur Inflation den Geldbesitzer wegen des permanent drohenden Wertverlusts motiviert, das Geld schnell auszugeben. Damit fördert die Inflation die Geldbewegung und wenn die Inflationsrate nicht besonders hoch ist, dann auch die Produktion und die Wirtschaft.
Umgekehrt gibt es nichts Schlimmeres für die Wirtschaft, als wenn die Konsumenten ihre Kauflaune verlieren und anfangen, auf „ihrem Geld zu sitzen“. Wenn man die Inflation in körperlicher Hinsicht mit einem Durchfall vergleichen könnte, dann können wir bei der Deflation ruhig über eine Verstopfung sprechen. Die Leute werden geizig, geben ihr Geld ungern aus und kaufen nur das Notwendigste. Warum? Weil das Horten des Geldes in einer solchen Wirtschaftsperiode den Vorteil des Wertzuwachses verspricht. Warum heute etwas kaufen, wenn die Preisspirale nach unten dem Konsumenten die Chance verspricht, etwas später die Ware schon wieder billiger einkaufen zu können. Durch die Deflation wird die Wirtschaft lahm gelegt, was zu einer deutlich steigenden Zahl der Arbeitslosen bis hin zu Massenentlastungen führen kann. Die hohe Zahl der Arbeitslosen bringt auch einen verstärkenden Effekt für die deflatorische Preisspirale nach unten mit sich. Die Arbeitslosen können weniger Geld ausgeben als die Menschen, die noch Arbeit haben. Damit wird der Wirtschaft zunehmend Geld entzogen. Die Massenentlassungen sorgen darüber hinaus auch noch für soziale Unruhen. Ein mit Gewalt und Unsicherheit belastetes soziales Umfeld verunsichert die Wirtschaft noch mehr und bremst die Produktion. Ich fand bereits im Jahre 2005 das Thema der Inflation und Deflation so bedeutungsvoll, dass ich in meiner Arbeit mit dem Haupttitel: „Die Struktur des globalen Kapitalismus“ diesem Thema unter dem Gesichtpunkt der „Möglichkeiten und Grenzen der Immunisierung“ einen eigenen Abschnitt gewidmet habe.
Ich habe dabei auf eine originelle Definition des Soziologen Niklas Luhmann hingewiesen: „Deflation und Inflation sind in gewisser Weise Immunreaktionen des Wirtschaftssystems, mit denen dieses auf eine zu hohe Risikobelastung reagiert.“
Jedoch unterscheidet sich meine Position in Bezug auf die Immunität im Vergleich zu N. Luhmann. Seine Systemtheorie bleibt es uns schuldig, einen Begriff von der Ganzheit und damit auch von den ganzheitlichen Zusammenhängen zu entwickeln. Seine Theorie läuft in die Sackgasse der einseitigen Differenzbildung. Eine solche Gefahr ist in der naturwissenschaftlichen Denkweise der Medizin auch anzutreffen. Seit dem Ausbruch der AIDS-Erkrankung hat sich die Medizin mit den immunologischen Fragen auseinandergesetzt.Auch dort fehlt jedoch die erkenntnistheoretische Bereitschaft, Einheit und Differenz in ihren Zusammenhängen zu sehen und nicht nur eine der beiden Seiten in den Vordergrund zu stellen. Durch ein verfehltes immunologisches Denken sind sowohl die medizinischen wie auch die Wirtschaftwissenschaften gekennzeichnet. Eine Sündenbockstrategie („Der Virus muss bekämpft werden!“, „Der Gier der Banker müssen Schranken gesetzt werden!“ usw.) und sich verzettelnde Theorien über die mögliche Kombination der gewonnen Daten und Fakten sind charakteristisch für beide Disziplinen. Die Stärkung der Immunität bedarf jedoch einer anderen Denkweise. Ohne die Entwicklung des sozialen Sinns ist ein angemessenes Verständnis der Immunität nicht möglich. Auf der politischen Bühne der Bundesrepublik beanspruchen sowohl SPD als auch CDU, ja sogar die FDP, als zentrale Botschaft ihrer Parteipolitik den Begriff der „sozialen Marktwirtschaft“ für sich. Natürlich bedienen sich die Parteien dabei einer völlig unterschiedlichen Auslegung desselben Begriffs. Damit verkommt das „Soziale“, und was auch immer man darunter versteht, zu einem Parteislogan und fällt der Propaganda der jeweiligen Partei zum Opfer. „Sozial!“ – das ist schon mal gut, denken die Massen und sind dann schnell zufrieden. Aber wie lange? Bis die Ohnmacht des missverstandenen Begriffs mit all ihren Folgen dieselben Massen wieder einholt. Am 2. Mai 2009 stand in der Münchener Ausgabe der Bildzeitung: „Chaoten-Alarm! Polizei heuer im Dauer- Stress“. Nun bilden Sie sich Ihre Meinung! Solange die Wissenschaft solch chaotische Begriffsbildungen zulässt und die Politik – mangels Alternative(?) – diese dann auch inbrünstig anwendet, gibt es halt das Phänomen des Dauer-Stress’, nicht nur in der Wissenschaft und der Politik, sondern auch auf der Straße! Die antivirale Medikation (bei Aids-Erkrankungen), finanzielle Rettungspakete des Staates (z.B. die Abwrackprämie) oder polizeiliche Maßnahmen gegen Randalierer bei den Demonstrationen mögen zwar auf Kosten eines hohen Preises die Symptome zurückdrängen, eine Lösung für diese Immunstörungen sind sie jedoch nicht.
In der begrifflichen Nachbarschaft des Slogans der „sozialen Marktwirtschaft“ gibt es noch einen ähnlichen Begriff, nämlich den der „sozialen Gerechtigkeit“. Der Verfassungsstaat kann zwar für eine juristische Gerechtigkeit Sorge tragen, man möge diese jedoch nicht mit der sozialen Gerechtigkeit verwechseln. In Berlin lebt ein Drittel der Kinder unter der offiziell definierten Armutsgrenze. Bei welchem Gericht kann ein solcher Sachverhalt eingeklagt werden? Der Begriff des „Sozialen“ kann nur in einem gemeinschaftlichen Rahmen Realität werden. Gemeinschaft und Gesellschaft dürfen heute jedoch nicht mehr als deckungsgleich angesehen werden. Zum Begriff der Staatsfalle gehört auch die Ignoranz der Tatsache, dass die Gesetzgebung der staatlichen Organe sich auch das Merkmal der sozialen Gerechtigkeit anheften möchte.
Nach der Deflation kommt dann die Inflation. Ich möchte noch mal betonen, dass wir den Höhepunkt der Deflation im Juli 2009 nicht annähernd erreicht haben. Wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt und auch noch etwas in der Folgezeit in einer „Erwartungsblase“. Die meisten derer, die mit der Wirtschaft zu tun haben, hoffen darauf, dass die massiven staatlichen Investitionen die Krise bereits gelöst haben. Welch eine Enttäuschung wird noch über diese Wirtschaftspolitik hereinbrechen, deren prominentester Urheber ohne Zweifel der derzeitige amerikanische Präsident Barack Obama ist. Marketing ist nicht alles und es schützt nicht vor der Staatsfalle, in die das Kapital treten wird. Wenn die Börsenkurse noch einmal in den Keller rutschen, und zwar in einen Keller, der deutlich tiefer ist, als es bis jetzt ausgemessen werden konnte, dann wird man fragen, wieso man in unserem Wachstumstrend Forschungsinstitut von dieser Entwicklung wusste. Die Antwort kann ich jetzt schon geben: Es liegt an der Denkweise. Für in die Zukunft weisende Prognosen ist ein lebendiges Denken statt des Intellektualismus entscheidend.
Wenn sich die Superdeflation ausgetobt hat, dann kann danach die andere Ausdrucksform der Immunschwäche der Wirtschaft, nämlich die Superinflation, folgen. Sie raubt den Armen jegliche Chance, den Wertverlust mit der Preissteigerung der Sachwerte (Aktien, Immobilien etc.) aufzufangen, da sie sich bekanntermaßen Sachwerte gar nicht leisten können. Sie werden die Opfer der als „sozial“ erklärten Agitation des Staates und der mit Steuermilliarden aufgeblasenen Rettungsringe für einzelne Begünstigte aus der Wirtschaft.
Aus der Sicht der Superinflation erscheint es heute als Naivität oder Heuchelei, Berechnungen darüber anzustellen, wie man die angehäufte Superverschuldung mit Steuergeldern wieder abstottern könnte. Gar nicht! Die Inflation sorgt schon dafür, dass alle Schulden wieder schnell verschwinden – sie ist die schädlichste, jedoch die raffinierteste Form der Schuldentilgung. Und die Moral von der Geschichte? Die Rolle des Staates muss neu durchdacht werden. Ausschließlich mit der trägen Wirkung der Gesetze lassen sich die Märkte bei ihrer heutigen Dynamik nicht ausreichend regulieren. Neue Institutionen sind notwendig und der Mut zur Neugestaltung der wirtschaftlichen Regulation. Zwischen Homo Oeconomicus und Homo Boersicus muss eine dynamische Vermittlung gefunden werden. Homo Oeconomicus lebt von der Rationalität und überall, wo Volkswirtschaftler nach ihm modellieren, verirren sie sich in der einseitigen Annahme, dass der Mensch immer von rationalen Maßstäben geleitet würde. Homo Boersicus wird häufig von der Irrationalität getrieben, als ob die einseitige Rationalität immer wieder von dem eigenen Schatten verfolgt würde. Die beiden Extreme bedürfen einer Vermittlung. Im menschlichen Körper übernimmt das Herz die Aufgabe zwischen den Nerven- und Stoffwechselkräften zu vermitteln. Nicht zufällig wünschen sich die meisten Menschen, man möge die Wirtschaft mit „mehr Herz“ gestalten.
 

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