Das Profil der Büchermärkte hat sich in den letzten Jahrzehnten
radikal verändert. 80.000 Neuerscheinungen jährlich
mit einer Auswahl von ungefähr einer Million Büchern bestimmen
die Angebotsseite in Deutschland. Dieses Überangebot
ist jedoch kein landesspezifisches Phänomen sondern
weltweit zu beobachten.
Auf der anderen Seite wird die Nachfrage nicht nur durch
die Konkurrenz der rasanten Entwicklung von anderen Medien,
sondern gleichzeitig und teilweise auch damit verbunden,
durch ein verändertes Leseverhalten beschränkt. Bis zu
vier Stunden täglich sitzt ein Erwachsener in Europa vor dem
Fernseher, sagt uns die Statistik.
Fachbuchautoren bleiben von diesem Trend auch nicht unbelastet.
In dieser Arbeit wurden unter der Bezeichnung Fachbücher
auch die anspruchvoll verfassten Sachbücher und Ratgeber
verstanden. Bereits heute müssen viele Autoren auf ihre
Honorare aus dem Absatz von Büchern verzichten. Immer häufiger
kommt es vor, dass die Verlage für die Veröffentlichung
von Büchern einen Zuschuss vom Autor verlangen, bevor das
Buch am Markt überhaupt erscheinen kann. Lohnt es sich
unter diesen Umständen noch Fachbücher zu schreiben? Welchen
Marketingstrategien muss man in der Zukunft Rechnung
tragen, wenn man diese neuen Marktbedingungen berücksichtigen
will?
Um auf diese Fragen angemessene Antworten zu finden,
habe ich versucht, die Daten und Fakten der oben geschilderten Trend-Entwicklung im Zusammenhang mit der gesell-
schaftlichen und technischen Entwicklung zu analysieren. Ich
ging von der Annahme aus, dass betriebswirtschaftliche Untersuchungen,
denen auch die Fragen der Marketingforschung
zuzuordnen sind, nicht auf solche „Umweltforschungen“ verzichten
können. Eine solche Kontextualität kann nicht nur
das Verständnis der aktuellen Problematik des Fachbuchmarketings
erleichtern, sondern würde auch die Möglichkeit bieten,
im Hinblick auf mögliche Entwicklungen in der Zukunft
neue Strategien zu entwickeln.
Bei der Erstellung der Arbeit habe ich die Sekundärliteratur
und meine eigenen Erfahrungen als teilnehmender Beobachter
in einem Selbstverlag für Fachbücher berücksichtigt.
Es gibt bis heute eine Reihe von Veröffentlichungen, die sich
an „Erst-Autoren“ oder an „neue Autoren“ wenden, dies jedoch
mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Als gemeinsamer
Nenner aller bisherigen Veröffentlichungen ist auf jeden
Fall die fehlende oder mangelhafte Darstellung der heutigen
kulturellen Einbettung des Büchermarktes zu erwähnen. Die
Arbeit verfolgt deshalb das Ziel, Fachbuchautoren aufzuzeigen,
warum es immer günstiger und sinnvoller wird, Fachbücher
in einem Selbstverlag zu produzieren und diesbezüglich
geeignete Marketingstrategien zu entwickeln, statt das Manuskript
einem Fremdverlag zu übergeben und das Buch „seinem
Schicksal“ zu überlassen.
Im Jahre 2004 habe ich unter dem Namen „Wachstumstrend
Forschungsinstitut und Verlags-GmbH meinen eigenen Verlag
gegründet. Die Erfahrungen mit dem Selbstverlag bilden
den praktischen „Nährboden“ der vorliegenden Arbeit. Obwohl
diese Erfahrungen im deutschen Sprachraum entstanden
sind, war ich der Meinung, dass durch die Berücksichtigung
der Thematik aus der Sicht der postmodernen Entwicklungsphase
der westlichen Gesellschaften eine wichtige Orientierung im Fachbuchmarketing für Autoren nicht nur in den
deutschsprachigen Ländern ermöglicht wird.
Seit dem Ende der 60er Jahre sind radikale Veränderungen in
der Gesellschaft aufgetreten. Durch die Aufkündigung der
väterlichen Autorität verlor die Gesellschaft ihre auf der Konsensbildung
beruhende Homogenität. Die bis dahin existierende
gesellschaftliche Moral wurde den Individuen nicht mehr
durch einen Sozialisationsprozess aufgezwungen, der Einzelne
wurde auf sich selbst zurückgeworfen. Deutlich nahm die
Tendenz der Differenzbildung zugunsten der individuellen
Entwicklung zu. Die kollektiven Strategien traten in den Hintergrund.
Moral und Solidarität verließen allmählich die Gesellschaft
(Niklas Luhmann). Sie ist heute im Wesentlichen
nur noch für die Regelung der rechtlichen Beziehungen zuständig.
Ähnlich der Gesellschaft veränderte sich auch die Struktur
der Wirtschaft. Während bis zum Ende der 60er Jahre die
Gesellschaftsformation (nach dem Autoproduzenten Henry
Ford als Fordismus bezeichnet) noch durch die Massenproduktion
mit Fließbandfertigung und Massenkonsumption charakterisiert
wurde, verlangte die Wirtschaft statt Standardisierung immer mehr Flexibilität und eine Individualisierung
der Produkte. Unter Berücksichtigung der technischen Entwicklung
beschrieb Martin Papapol die neue Gesellschaftsformation
als „digitalen Kapitalismus“. Die Revolutionierung
der Informationstechnologie und die Möglichkeiten der digitalen
Kommunikation haben ihrerseits auch erheblich zur
Veränderung der Gesellschaft beigetragen. Umso mehr stellt
sich jetzt die Frage, inwieweit der heutige Zustand der Gesellschaft
nach einer Wiederbelebung der Gemeinschaften und
nach einem neuen Verständnis des Sozialen (Bruno Latour)
verlangt.
Nach der Besprechung der gesellschaftlichen Veränderungen
und der Definition der zentralen Begriffe dieser Arbeit, die
auch als Vorbereitungsschritte für die Beschreibung des Strukturwandels
im Verlagswesen in den letzten Jahrzehnten galten,
bin ich näher auf diesen Strukturwandel eingegangen.
Dabei habe ich den Schwerpunkt auf drei Themenbereiche
gerichtet.
Erstens ging es um die Verschiebung von den Verkäufermärkten
zu den Käufermärkten. Entsprechend der gesellschaftlichen
Entwicklung musste auch das Buchmarketing individualisiert
werden und sich nach den latenten und manifesten
Bedürfnissen der Kunden richten. Dabei war es wichtig, das
Ideenmarketing streng nach der Nachfrage auszurichten. Diese
Tendenz führte zu einer Vielfalt der Produkte und zu immer
kleineren Auflagen. Diese Entwicklung brachte auf der einen
Seite einen Konzentrationsprozess der Branche mit sich, auf
der anderen Seite wurden auch die serviceorientierten Nischenlösungen
gefordert.
Zweitens hat die technische Entwicklung durch die digitale
Technik und die Entstehung des Mediums Internet die Möglichkeiten
des Verlagswesens radikal umgestaltet. Eigenschaften
des Internets wie graphische und temporale Unabhängigkeit,
die Möglichkeiten der Online-Buchhandlung und des
Marketings im Internet haben die Kommunikation mit den
Kunden erheblich erweitert und teilweise auch erleichtert.
Drittens entstanden unter der oben genannten Situation
auch veränderte Finanzierungsbedingungen für die Produktherstellung
bzw. das Marketing. Die globale Marktwirtschaft
brachte durch die Shareholder-Value-Orientierung einen Rentabilitätszwang
mit sich, der auch die Kalkulation im Verlagswesen
bestimmte. Diese finanziellen Veränderungen verschlechterten
nicht nur die finanzielle Position der Autoren sondern
auch die der meisten Mitarbeiter. Im Rahmen dieser Entwicklung entstanden dann die Zuschussverlage, die von den
Autoren einen nicht unerheblichen finanziellen Beitrag als
Zuschuss verlangten, um die Bücher überhaupt zu veröffentlichen.
Die radikalen Änderungen in der Gesellschaft und der Strukturwandel
im Verlagswesen eröffnen auch für die Selbstverleger,
die den Anspruch erheben, ihre Bücher nicht mehr dem
„unkalkulierbaren Schicksal“ in fremden Verlagen überlassen
zu wollen, gute Chancen. Unter den neuen Marktbedingungen
können diese Fachbuchautoren durch die Gründung eines
Selbstverlags einen Austauschprozess mit ihren potenziellen
Kunden im Sinne eines zeitgemäßen Fachbuchmarketings realisieren.
Die Einflussmöglichkeiten beschränken sich nicht nur
auf die Mitgestaltung beim Lektorat, auf die Buchgestaltung
einschließlich des Covers und auf die Nutzung der Produktion
mit dem Books-on-Demand-Verfahren, sondern erstrecken
sich auch auf die Bekanntmachung und Verbreitung des
Buches. Das Internet bekommt für die Marketingstrategien
eines Selbstverlages eine zentrale Aufgabe.
In der Arbeit habe ich einen Marketing-Mix vorgestellt,
den der Leser in dieser Form in keinem der bisher veröffentlichten
Ratgeber vorfinden kann. Das „Herzstück“ dieses Marketing-
Mix bezeichne ich mit dem Begriff Wortmarketing. Bei
dieser Strategie arbeitet man mit jenen Stichwörtern, die für
den Inhalt des Buches charakteristisch sind. Mit einer entsprechenden
Gestaltung der Homepage des Selbstverlags und
mit dem Instrument der Pressemitteilungen im Internet kann
dafür Sorge getragen werden, dass die Suchmaschinen die ausgewählten
Stichwörter erfassen und dann bei den entsprechenden
Suchanfragen die Interessenten in dieser Weise zu dem
angebotenen Buch führen. Die Vorgehensweise und die Vorteile
dieses Marketing-Mix wurden in der Arbeit diskutiert.
Einige abschließende Gedanken habe ich dann der Zukunft
des Fachbuchmarketings gewidmet. Die radikalen Veränderungen
am Büchermarkt in den letzten Jahrzehnten werden
in der Zukunft sicher nicht rückgängig zu machen sein.
Es ist eher anzunehmen, dass der angeschlagene Trend mit
einem rasanten Tempo fortgesetzt wird. Darauf muss sich
auch das Fachbuchmarketing der Zukunft einstellen.
Die seit den 90er Jahren aufkommende Bewegung der Digitalisierung
steckt in vieler Hinsicht noch in den „Kinderschuhen“.
Es ist jedoch zu erwarten, dass die Bibliotheken in
der Zukunft immer mehr digitalisiert werden.
Anders wären die auf die Forscher zukommenden Datenmengen
nicht mehr zu bewältigen. Private Bibliotheken in
der klassischen Form („ein Zimmer voll mit Büchern“) werden
in der Zukunft kaum mehr finanzierbar sein. Die Digitalisierung
der Bibliotheken wird den Platz in der eigenen Bibliothek
auf die Größe eines Computers reduzieren können.
Die Fa.Amazon und Google Book Search mit ihren Search-
Inside-Suchdiensten und dem Leseproben-Service bieten bereits
heute wichtige Chancen für das Fachbuchmarketing. Es
ist zu hoffen, dass es den beiden Firmen gelingen wird, bestimmte
Schwächen zu überwinden.
Die globalen Forschungsaktivitäten der Zukunft, ihre Koordination
mit den einzelnen Forschungsgemeinschaften bzw.
die Koordination der einzelnen Forscher mit der Gemeinschaft
bedürfen auch zu ihrer geistigen Erneuerung der weiteren
technischen Innovationen. Damit muss auch eine Zukunftsvision
für das Fachbuchmarketing Schritt halten.